Die Südostschweiz - un circuit non merci.

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Die Südostschweiz

Montag, 7.Dezember 2009
Im Jura soll eine einmalige Autorundstrecke entstehen - in einer Idylle für Naturliebhaber. Die Einwohner wehren sich. Jetzt entscheidet das Bundesgericht.

Von Barbara Spycher

Vendlincourt
.- Willy Roth steuert das Auto durch die Ajoie ­ durch diese grenzenlose Weite, die den Blick über Felder, Wälder und vereinzelte Häuser bis nach Frankreich freigibt. Wegen dieser Landschaft und der Ruhe im äussersten Jurazipfel ist Roth vor 35 Jahren aus dem Baselbiet hierhin gezogen. «Und jetzt soll genau das kaputtgemacht werden.» Sagts und steuert den Wagen einen schmalen Feldweg hinauf auf eine Ebene mit Rapsfeldern, umgeben von Wald. Hier plant der 36-jährige Florian Lachat eine Autorundstrecke.

 

Keine Lärmdeponie: Jean-Marc Christe und Willy Roth (von links) kämpfen gegen die geplante Rennstrecke. Photo Roland Schmid

15 Hektaren Landwirtschaftsland ­ etwa soviel wie 21 Fussballfeldern ­ sollen zu einem 2,7 Kilometer langen Autorundkurs umfunktioniert werden. Das wäre schweizweit einmalig ­ und lässt die Herzen von Hobbyrennfahrern höherschlagen, welche dann nicht mehr nach Frankreich reisen müssten, um ein bisschen «vroum» zu machen, wie sie auf Internetformen schreiben. Neben dem Training mit Rennfahrzeugen will Lachat seine Strecke vor allem für die Fahrausbildung, für Tests und für die Präsentation von Fahrzeugen nutzen, Autorennen seien ausgeschlossen. «Safetycar» nennt Lachat sein 12-Millionen-Projekt .

In der Grundwasser -Schutzzone

"«Als ich erfahren habe, was hier gebaut werden soll, hat es in meinem Bauch «craque» gemacht», sagt Jean-Marc Christe, der im angrenzenden Dorf Vendlincourt wohnt. Er sei kein «Grüner», besitze selber zwei Autos.  Aber die Vorstellung, wertvolles Ackerland einfach zuzubetonieren, noch dazu für so etwas, findet er unerträglich. Immer noch, auch wenn es mittlerweile vier Jahre her ist, dass er das erste Mal vom Projekt gehört hat. Seither ist viel passiert: Im Februar 2008 stimmten 60 Prozent der Einwohner von Vendlincourt der nötigen Umzonung von der Landwirtschaftszone in eine Sport- und Freizeitzone zu.
Doch Christe und ein Dutzend anderer Bewohner von Vendlincourt gaben nicht auf. Sie gründeten den Verein «La Charmille», so heisst das Gelände, und erhoben Einsprache. Diese wurden abgewiesen, doch sie rekurrierten beim Kantonsgericht, unterstützt von Helvetia Nostra des Umweltschützers Franz Weber. Ein wichtiges Argument der Gegner ist: Eine Autoübungsstrecke ­ die Abwasser mit Öl und Schwermetall erzeuge ­ in einer Grundwasserschutzzone sei eine zu grosse Gefahr für das Grundwasser. Deswegen hatte sich auch das jurassische Umweltamt anfangs gegen eine Autorundstrecke am Standort Vendlincourt ausgesprochen.

Doch dann, so  steht es in den Gerichtsakten, «hat das Umweltamt seine Position differenziert, angesichts der Tatsache, dass dieser Standort dem Initianten am meisten zusagte.» Vendlincourt komme unter Umständen doch in Frage. Auf Anraten der Behörden gab Lachat ein hydrologisches Gutachten in Auftrag; demnach liegt der Grossteil des Geländes in der Schutzzone S3. In dieser sind mit bestimmten Auflagen Bauten möglich, im Gegensatz zur Schutzzone S2, in der ein Bauverbot gilt. Auch auf der Charmille darf die Strasse nicht dort durchführen, wo die Zone S2 liegt. Die Gegner kritisieren, in einer so heiklen Frage dürfe man sich nicht auf einen vom Initianten mandatierten Experten stützen, es brauche eine umfassende Umweltverträglichkeitsprüfung. Für Jean-Marc Christe ist klar: «Wenn es um unser Grundwasser geht, muss doch das Vorsichtsprinzip gelten. Das sagt mir der gesunde Menschenverstand.»

Die jurassischen Richter sehen das anders: Im Juni haben sie die Beschwerde von Helvetia Nostra und den Anwohnern abgewiesen. Jetzt zieht sie Franz Weber ans Bundesgericht weiter. Während der Ball nun bei den Richtern in Lausanne liegt, sei das Projekt im Dorf Vendlincourt ein Tabuthema, sagt Christe. Man wisse halt, dass man miteinander auskommen müsse. Es habe Mut gebraucht, sich in einer so kleinräumigen Gegend zu exponieren - erst recht, weil man sich gegen die kantonalen Behörden und einen beliebten Unternehmer wie Lachat stelle.
In der Tat wurde Florian Lachat jüngst auf der Frontseite der jurassischen Tageszeitung gefeiert, weil er auf seinem Tatuus-Honda die Schweizer Bergmeisterschaft der Rennsportwagen gewann.

Der 36-jährige Hobbyrennfahrer wohnt in Porrentruy. Er ist absolut überzeugt, auch vor Bundesgericht Recht zu bekommen. Sein Projekt sei «wasserdicht», er habe Hand in Hand mit den Behörden zusammengearbeitet. Er betont, dass  es ihm in erster Linie um die Verkehrssicherheit gehe,  viele tödliche Unfälle auf Schweizer Strassen passierten bei Geschwindigkeiten zwischen 60 und 120 Stundenkilometern.
«Bisher kann man in der Schweiz nirgends üben, wie man sich in solchen Situationen adäquat verhält.» Die jurassischen Behörden haben «Safetycar» von Anfang an unterstützt. Die Autorundstrecke passe zum Image des Kantons, wo mehrere Autorennen und Rallyes stattfänden.

"Abfallkübel der Schweiz"
Wenn Willy Roth so etwas hört, ärgert er sich
fürchterlich: «Der Jura macht Werbung mit seiner intakten Natur, will damit Touristen locken und Basler zum Kantonswechsel verführen ­ doch der Autocircuit macht genau diesen Trumpf kaputt.» Auch Vendlincourt wirbt mit seiner «Idylle» und «der Kunst, im Einklang mit der Natur zu leben» um Wanderer und Naturliebhaber. Gleich hinter dem Dorf liegt ein Weiher, der zum Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler gehört.
Wo genau und wie laut die Automotoren zu hören sein werden, wird sich bei dessen Realisierung weisen. Lachat stützt sich auf Computersimulationen und sagt, man werde kaum etwas hören. Roth, der im vier Kilometer entfernten Bonfol wohnt, ist überzeugt, vom Motorenlärm nicht verschont zu  bleiben.
Das sei selbst beim jährlichen (?) Autorennen im 15 Kilometer entfernten Bure so. Roth hat keine Lust auf eine «Lärmdeponie», jetzt, wo die Sondermülldeponie in Bonfol bald saniert ist. «Der Kanton Jura ist nicht der Abfallkübel der Schweiz.»

In Vendlincourt selber hat Lachat einen Lärm-Test gemacht: Auf der Charmille liess er ein Dutzend Fahrzeuge aufstellen und die Motoren starten. Im Dorf, das 700 Meter entfernt in einer Senke hinter dem Wald liegt, hätten die Anwohner die Motoren nicht gehört. «Kaum wahrgenommen», präzisiert Christe ­ dann folgt ein grosses «Aber»: Es sei nicht das gleiche, ob man bei einem Dutzend Autos an Ort und Stelle den Motor laufen lasse, oder ob diese bremsen und beschleunigen, «sieben Tage die Woche».  Bis auf eine Mittagspause wäre Safetycar von morgens bis abends in Betrieb, auch am Wochenende. «Auch wenn die Lärmgrenzwerte eingehalten werden, kann Lärm einem den letzten Nerv rauben», gibt Jean-Marc Christe zu bedenken.
Nachdenklich steht er vor seinem Einfamilienhaus in Vendlincourt und lässt den Blick über das Dorf schweifen,  wo er aufgewachsen ist. Nur das «Ia» eines Esels ist zu hören. «Dieses Projekt passt einfach nicht hierhin», sagt Christe. Nun kann er nur noch hoffen, dass dies die Richter in Lausanne genauso sehen.

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